Mikrofondaten verstehen

Mikrofondaten verstehen (4)

Was bedeutet Empfindlichkeit bzw. Übertragungsfaktor?

Was bedeutet Empfindlichkeit bzw. Übertragungsfaktor?

Wer mit verschiedenen Mikrofonen aufnimmt, wird feststellen, dass manche Modelle mehr Vorverstärkung benötigen als andere. Oft spricht man daher salopp von „lauten“ und „leisen Mikrofonen. Im Datenblatt dokumentiert sich dieses Phänomen unter dem Punkt „Empfindlichkeit.“

Empfindlichkeit diesseits und jenseits des Atlantiks

Hört man im Deutschen das Wort „Empfindlichkeit,“ könnte man befürchten, es geht darum, wie zerbrechlich ein Mikrofon ist. Möglicherweise ist das auch der Grund, warum man in diesem Zusammenhang auch oft den Ausdruck „Übertragungsfaktor“ verwendet. Denn der beschreibt das Phänomen etwas präziser: Bei gleicher Schalleinwirkung können verschiedene Mikrofone ganz unterschiedliche Ausgangspegel produzieren.

 

Dafür gibt es verschiedene Messnormen bzw. Darstellungsformen. In Europa wird die Empfindlichkeit (bzw. der Übertragungsfaktor) in Millivolt pro Pascal (mV/Pa) angegeben, d.h. die Ausgangsspannung bezogen auf einen normierten Schalldruck (1 Pascal entspricht 94 dB SPL)

 

In Amerika ist’s etwas komplizierter. Dort wird die Empfindlichkeit (engl. „sensitivity“) in Relation zu einem hypothetischen Mikrofon angegeben, das eine Ausgangsspannung von 1 Volt produziert, wenn es dem Referenzschalldruck von 1 Pascal (94 dB SPL) ausgesetzt ist. Da dieses hypothetische Mikrofon einen Mörderpegel produziert, den kein real existierendes Mikrofon erreicht, sind solche Empfindlichkeitsangaben immer negative Werte. Das kann verwirrend sein: Ein Mikrofon mit einer Empfindlichkeit von -40 dB ist sehr viel „lauter“ als eins mit -50 dB! Der Vorteil dieser Darstellungsform liegt darin, dass man etwas besser sieht, wie viel Gain man (bei mittellauten Schallquellen) in etwa benötigt, um auf Line-Level zu kommen.

Das Neumann TLM 103 Kondensatormikrofon (rechts) ist über 20 dB „lauter“ als das dynamische Sennheiser MD 441 (links).
Das Neumann TLM 103 Kondensatormikrofon (rechts) ist über 20 dB „lauter“ als das dynamische Sennheiser MD 441 (links).

Typische Werte

Es dürfte kaum verwundern, dass Schallwandler verschiedener Bauart unterschiedlich empfindlich sind.

 

Typische Werte für dynamische Mikrofone liegen zwischen 1 und 4 mV/Pa bzw. -60 bis -48 dB (re 1 Pa). Wobei Bändchenmikrofone eher am unteren Ende dieses Bereichs liegen. Mehr als 3 mV/Pa erreichen fast nur Tauchspulmikrofone, und auch das eher selten.

 

Kondensatormikrofone haben üblicherweise eine deutlich höhere Empfindlichkeit. Typische Werte liegen zwischen 8 und 32 mV/Pa bzw. -42 bis -30 dB (re 1 V/Pa).

Wie wichtig ist hohe Empfindlichkeit in der Praxis?

Wichtig zu wissen: Nur für dynamische Mikrofone ist die Empfindlichkeit bzw. der Übertragungsfaktor wirklich von Belang. Denn bei so niedrigen Werten zählt jedes Dezibel bzw. Millivolt, um auch leise Quellen mit niedrigem Rauschen aufnehmen zu können.

 

Bei Kondensatormikrofonen ist die Empfindlichkeit kaum relevant für das Rauschverhalten. Denn jeder Wert über etwa 8 mV/Pa genügt für rauscharme Aufnahmen mit praktisch jedem Mikrofonvorverstärker. Gelegentlich hört bzw. liest man, dass hohe Empfindlichkeit ein relativ hohes Eigenrauschen des Mikrofons kompensieren könne. Das ist aber nicht der Fall! Bei Rauschmessungen muss die Vorverstärkung ohnehin dem Mikrofon entsprechend angepasst werden, d.h. die hohe Empfindlichkeit ist bereits in die Messung des Eigenrauschens mit eingeflossen.

 

Hohe Empfindlichkeit kann von Vorteil sein, wenn man mit mittelmäßigen Vorverstärkern arbeitet. Günstige Preamps klingen bei in hohen Gain-Einstellungen über 50 dB meist stumpf und leblos. Ein Mikrofon mit hoher Empfindlichkeit benötigt nur in Ausnahmefällen so viel Verstärkung.