Mikrofon Basics

Mikrofon-Basics (5)

Was ist der Nahbesprechungseffekt?

Was ist der Nahbesprechungseffekt?

Der Nahbesprechungseffekt lässt die Bassübertragung ansteigen, wenn man das Mikrofon nahe zur Schallquelle positioniert. Je näher das Mikrofon, desto stärker die Bassbetonung. Das kann zu Problemen führen; gleichzeitig eröffnet der Nahbesprechungseffekt aber auch kreative Spielräume in der Klanggestaltung.

Die Vor- und Nachteile des Nahbesprechungseffekts

Der Nahbesprechungseffekt (engl. „proximity effect“) hilft dem Radiosprecher wie Barry White zu klingen, und so mancher Sänger klänge ziemlich dünn, würde ihm nicht der Nahbesprechungseffekt zu „virtuellem“ Stimmvolumen verhelfen. Der Nahbesprechungseffekt – auch Naheffekt genannt, da er keineswegs nur bei Stimmen auftritt – kann aber auch die Sprachverständlichkeit herabsetzen. Er kann sogar den gesamten Mix schwammig und undifferenziert klingen lassen. Etwa dann, wenn sich die in den tiefen Frequenzen „angefetteten“ Vocals und Gitarren mit dem Bass und der Bass Drum in die Quere kommen.

 

Der Nahbesprechungseffekt ist also Freund und Feind gleichzeitig. Man kann ihn gezielt einsetzen, um den Sound groß, fett und sexy zu gestalten, aber man muss stets Acht geben, dass er nicht die Klangbalance zerstört und dem Mix die Transparenz raubt.

 

Am stärksten bemerkbar macht sich der Nahebesprechungseffekt logischerweise bei Schallquellen mit starken Klanganteilen im Bassbereich unterhalb 200 Hz. Insofern ist er ein wichtiger Faktor, wenn man männliche Stimmen aufnimmt, aber weniger, wenn man mit Sängerinnen arbeitet. Der Nahbesprechungseffekt führt nicht selten zu Problemen, wenn man Gitarren aufnimmt (die tiefe E-Saite liegt bei ca. 80 Hz). Insbesondere Akustikgitarren zeigen eine Tendenz zu dröhnenden Bässen, wenn man das Mikrofon zu nahe positioniert. Für ausgesprochene Bassinstrumente wie Bass Drum, Bassgitarre oder Kontrabass kann der Nahbeprechungseffekt dagegen hilfreich sein, das Tiefenfundament besonders fett und satt zu gestalten.

Der Nahbesprechungseffekt führt zu einer Bassanhebung unterhalb 200 Hz. Bei Nierenmikrofonen ist er deutlich ausgeprägt; bei Mikrofonen mit Achtercharakteristik ist er sogar doppelt so stark.
Der Nahbesprechungseffekt führt zu einer Bassanhebung unterhalb 200 Hz. Bei Nierenmikrofonen ist er deutlich ausgeprägt; bei Mikrofonen mit Achtercharakteristik ist er sogar doppelt so stark.

Der Nahbesprechungseffekt und Richtcharakteristiken

Die Stärke des Nahbesprechungseffekts hängt von der Richtcharakteristik des Mikrofons ab. Am stärksten ausgeprägt ist er bei Mikrofonen mit Achtercharakteristik. Bei Nierenmikrofonen wirkt er nicht ganz so stark, aber immer noch sehr deutlich. Mikrofone mit Kugelcharakteristik weisen gar keinen Nahbesprechungseffekt auf.

 

Wie kommt’s? Nun, es gibt zwei Arten von Schallwandlern: Druckempfänger und Druckgradientenempfänger. Der Nahbesprechungseffekt tritt nur bei Druckgradientenempfängern auf (die auf den Druckunterschied zwischen Vorder- und Rückseite der Membran reagieren). Reine Druckempfänger haben Kugelcharakteristik, reine Druckgradientenempfänger haben Achtercharakteristik. Mikrofone mit Nierencharakteristik, die den Großteil der Bühnen- und Studiomikrofone ausmachen, sind „Wandler zwischen den Welten“; sie arbeiten zu gleichen Teilen als Druckempfänger und als Druckgradientenempfänger.

Den Nahbesprechungseffekt variieren mit Multipattern-Mikrofonen

Wie verhält es sich bei Multipattern-Mikrofonen, d.h. Mikrofonen mit umschaltbarer Richtcharakteristik? Auf Bühnen sieht man solche Mikrofone selten, aber im Studio sind sie weit verbreitet. Ein berühmtes Beispiel ist das Neumann U 87, das wohl meistverwendete Studiomikrofon weltweit.

 

Multipattern-Mikrofone erzeugen verschiedene Richtcharakteristiken, indem sie die beiden Hälften einer Doppelmembrankapsel elektrisch miteinander verschalten. Da beide Kapselhälften jeweils mit Nierencharakteristik arbeiten, wird oftmals behauptet, dass Multipattern-Mikrofone immer einen starken Nahbesprechungseffekt aufweisen, egal welche Richtcharakteristik eingestellt ist. Das stimmt aber nicht, wie die Neumann-Forschung nachgewiesen hat. Bezüglich des Nahbesprechungseffekts, verhalten sich Multipattern-Mikrofone ganz ähnlich wie Einzelmembran-Mikrofone mit fester, nicht veränderlicher Kugel, Nieren- oder Achtercharakteristik. D.h. die Stärke des Nahbesprechungseffekts verändert sich auch hier mit der eingestellten Richtcharakteristik.

 

Auf die Praxis bezogen: Multipattern-Mikrofone geben dem Nutzer eine gewisse Kontrolle über den Nahbesprechungseffekt. Möchte man beispielsweise eine etwas dünne Stimme voller klingen lassen, könnte man das Mikrofon auf Achtercharakteristik einstellen, um einen stärkeren Nahbesprechungseffekt zu erhalten.