Abhöre & Akustik

Abhöre & Raumakustik (2)

Wie lässt sich die Raumakustik im Home Studio günstig optimieren?

Wie lässt sich die Raumakustik im Home Studio günstig optimieren?


Im klassischen „Bedroom Studio“ geschieht alles in einem Raum: Songwriting, Aufnahme, Mixing und Mastering. Ein solches Setup ist sehr gemütlich, wenngleich nicht ideal in Sachen Raumakustik. Doch mit ein paar simplen Optimierungen lässt sich die Akustik drastisch verbessern.

Wie wir in der letzten Folge gesehen haben, sind die akustischen Anforderungen für Aufnahme und Mixing sehr unterschiedlich: Die meisten Instrumente klingen am besten mit der richtigen Prise Raumklang – „acoustic support“, wie der legendäre Toningenieur Bruce Swedien es nennt. Fürs Mixing brauchen wir jedoch einen Raum, der möglichst wenig Eigenklang besitzt, d. h. einen akustisch eher „toten“ Raum, damit wir bei der Wiedergabe die aufgenommenen Signale unverfälscht beurteilen können. Die große Frage ist, wie können wir beide akustischen Anforderungen in einem Raum erfüllen?

Live End / Dead End

 

Eine Lösung für dieses Dilemma bietet das Konzept „Live-End-Dead-End“, kurz LEDE. Dabei handelt es sich um ein beliebtes Akustikkonzept für Tonregien, das auch fürs Homestudio sehr attraktiv ist, da es im hinteren Teil des Raums etwas „acoustic support“ bietet. Das Grundkonzept ist recht einfach: Der vordere Teil des Raums wird mit Schall absorbierenden Materialen ausgestattet, während der hintere Teil des Raums Schall reflektierende Oberflächen erhält.

Wenn Dein Computer-Setup und die Abhörlautsprecher vor einer Wand aufgebaut sind, so wird dieser Teil zur „Dead End“ Zone. Die andere Hälfte des Raums ist das „Live End“. Natürlich darf man hier nicht den weichen Nachhall eines professionellen Aufnahmeraums erwarten, es lässt sich aber etwas „Ambience“ erreichen, die insbesondere den Klang von akustischen Instrumenten bereichert. Wünscht man dagegen einen trockeneren Sound, etwa für den Lead Vocal, so muss man lediglich das Mikrofon in die „Dead End“ Zone rücken. Insofern erlaubt der LEDE-Ansatz ein gewisses Maß an Variation in Sachen Raumklang.

 

Selbstgebaute Breitband-Absorber hinter den Boxen und an der Decke. Das Akustikmodul in der Ecke ist eine Bassfalle von EQ Acoustics.
Selbstgebaute Breitband-Absorber hinter den Boxen und an der Decke. Das Akustikmodul in der Ecke ist eine Bassfalle von EQ Acoustics.

Dead End optimieren

Viele Räume, die zunächst „tot“ oder „trocken“ erscheinen, sind es in Wirklichkeit gar nicht. Unsere Ohren reagieren recht empfindlich auf Klangreflexionen in den oberen Frequenzen, während man tieffrequenten Nachklang zunächst kaum wahrnimmt. Dieser Stau von Schallenergie in den unteren Regionen ist jedoch unser größtes Problem im Homestudio. Denn er lässt Aufnahmen stumpf und dröhnend klingen und macht es wiedergabeseitig sehr schwierig, die spektrale Balance des Mix zu beurteilen.

Es genügt daher nicht, die Reflexionen in den oberen Frequenzen zu reduzieren, etwa indem man einen dicken Teppich auslegt. Wir müssen die Schallreflexionen in allen Frequenzbereichen dämpfen, um eine kurze Abklingzeit über das gesamte Klangspektrum zu erzielen. Dazu benötigen wir so genannte Breitband-Absorber. Die kann man von zahlreichen Herstellern fertig kaufen, oder auch selbst basteln. Die effektivsten Materialien sind Mineralfasern wie Steinwolle (z. B. Rockwool) und spezielle Akustik-Schaumstoffe wie Melaminharzschaum (der BASF-Handelsname ist „Basotect“). Gewöhnliche Schaumstoffe sind nicht zu empfehlen. Steinwolle ist recht günstig im Baumarkt erhältlich, sollte aber mit großer Vorsicht (und Atemschutz!) verarbeitet und aufgestellt werden, da von solch feinen Faserstoffen Gesundheitsrisiken ausgehen. Melaminschaum ist teurer, aber unproblematisch in der Verarbeitung.

Ein Breitband-Absorber lässt sich leicht selbst herstellen, indem man ein Stück Melaminharzschaum auf einen Holzrahmen leimt. Eine übliche Größe ist etwa 50 x 100 cm. Anschließend überzieht man die Front und die Seiten mit Stoff, um das Schaummaterial zu schützen (anders als normaler Schaumstoff bricht Melaminharzschaum leicht). Auf der Rückseite tackert man nun den Stoff am Holzrahmen fest – fertig!

 

Ein solcher Breitband-Absorber sollte mindestens 10 cm dick sein, die doppelte Dicke von 20 cm verbessert die Absorption tiefer Frequenzen deutlich. Optimal wären 30 cm, was aber aufgrund der Kosten und des Raumverlusts meist unrealistisch ist. Wenn möglich, sollte man die Absorber etwa 5 bis 10 cm von der Wand weg aufbauen; etwas Abstand erhöht die Absorption in den tiefen Frequenzen.

Die Absorber sollten mindestens 30% der „Dead End“ Zone bedecken. D.h. insbesondere den Bereich direkt hinter den Lautsprecherboxen. Zwei weitere Absorber kommen an die Seitenwände links und rechts der Abhörposition.

Nicht vergessen sollte man die Decke oberhalb der Abhörposition. Hier kann man entweder Melaminharzschaum direkt an die Decke kleben oder leichtgewichtige Rahmen bauen, an denen man die Schaumpaneele einige Zentimeter von der Decke abhängt. Die letztere Version ist etwas effektiver (aufgrund des Abstands zur Decke) und lässt sich bei Bedarf leichter wieder demontieren.

Ein Diffusor von HOFA fürs Live End
Ein Diffusor von HOFA fürs Live End
Gitarren und Keyboards sind nicht so effektiv wie professionelle Diffusor-Akustikelemente, aber viel besser als nackte Wände.
Gitarren und Keyboards sind nicht so effektiv wie professionelle Diffusor-Akustikelemente, aber viel besser als nackte Wände.

Live End optimieren

Die hintere Hälfte Deines Home Studios sollte Schall reflektierende Oberflächen haben. Nackte Wände wären jedoch schlecht, da sie irritierende Flatterechos erzeugen. Was wir benötigen, sind unregelmäßige Oberflächen, die die Schallreflexionen in alle Richtungen streuen. Auch dafür gibt es spezielle Akustikelemente, so genannte Diffusoren. Gewöhnlich bestehen Diffusoren aus Holz oder einem anderen schallharten Material, das zu einer bewusst unregelmäßigen Oberfläche geformt ist.

Diffusoren sind schwer, selbst herzustellen. Doch wenn fertige Diffusor-Elemente zu teuer sind, kann man sich mit anderen Mitteln behelfen, um unregelmäßige Oberflächen zu erhalten. Wenn Du eine Menge Bücher besitzt, könntest du an den hinteren Wänden Deines Home Studios Buchregale aufstellen. Die Bücher dürfen aber nicht in adretten Reihen aufgestellt sein, sondern die Buchrücken müssen eine möglichst unregelmäßige Fläche bilden. Das sieht unordentlich aus, verbessert aber die Raumakustik. Außerdem ist es eine gute Ausrede, für weniger ordnungsliebende Menschen! Oder, wenn Du eine Menge Gitarren besitzt, häng sie an de Wände. Auch Keyboards auf Mehrfach-Ständern können Schallreflexionen zerstreuen. Technisch gesehen, mögen solche Lösungen nicht so optimal sein wie richtige Diffusor-Elemente. Aber es ist inspirierend, von seinen Instrumenten umgeben zu sein. Und so wichtig die Raumakustik im Homestudio auch ist; noch wichtiger ist, dass man in seinen vier Wänden Spaß hat.

Zwei verschiedene Bassfallen in einer Raumecke. Oben: ein Modell von EQ Acoustics, unten eine ganz anders konstruierte Bassfalle von HOFA.
Zwei verschiedene Bassfallen in einer Raumecke. Oben: ein Modell von EQ Acoustics, unten eine ganz anders konstruierte Bassfalle von HOFA.

Bass-Optimierung

In nahezu jedem Raum von üblicher Größe gibt es Bassresonanzen. Oft liegen diese so genannten „Raummoden“ so tief, dass man sie schlecht mit Breitband-Absorbern in den Griff bekommt, denn man bräuchte eine so große Materialdicke, dass viel Raum verloren ginge. Ein effektiveres Mittel gegen Raummoden sind spezielle Absorber für tiefe Frequenzen, so genannte „Bassfallen“. Es gibt sie in verschiedenen Ausführungen. Manche Bassfallen arbeiten mit absorbierenden Materialien; solche Bass-Absorber sind recht groß, haben aber den Vorteil in einem recht weiten Frequenzbereich wirksam zu sein. Andere Bassfallen arbeiten mit Materialien, die in den tiefen Frequenzen eine Resonanz bilden, welche die Bassenergie, von der sie angeregt wird, quasi verbraucht. Solche Bassfallen sind nur in einem eng begrenzten Frequenzbereich (sehr) wirksam und müssen oft sogar auf die zu dämpfende Frequenz abgestimmt werden.

Bassfallen positioniert man gewöhnlich in den Raumecken, weil dort die Bassenergie am stärksten ist. Bassfallen helfen, im Dead End eine trockene Tiefenwiedergabe zu erreichen, aber auch das Live End profitiert davon, denn auch in den aufgenommenen Signalen ist Basswummern sehr störend.

Wenn professionelle Bassfallen zu teuer sind, kann man sich eventuell mit einer Couch behelfen. Je nach Konstruktion absorbiert eine voluminöse Couch einiges an Bassenergie. Rücke sie dorthin, wo die Bässe besonders stark dröhnen.

Man kann’s auch übertreiben

Zu viele Bassfallen kann man kaum aufstellen, da die Raummoden meist stärker sind als alle (bezahlbaren) Gegenmaßnahmen. Mit Breitband-Absorbern für die oberen und mittleren Frequenzen sollte man es dagegen nicht übertreiben! Ein nahezu tot klingender Raum mag zwar fürs Mixing taugen, es ist aber keine besonders angenehme Umgebung zum Musikmachen. Achte immer darauf, dass Dein Homestudio ein Ort bleibt, der Dich inspiriert und an dem Du Dich gerne aufhältst. Ein Heimstudio sollte eben beides sein, ein Heim und ein Studio!