Mikrofon Basics

Mikrofon-Basics (4)

Wozu braucht man verschiedene Richtcharakteristiken?

Wozu braucht man verschiedene Richtcharakteristiken?

Wir Menschen können auf verschiedene Weisen hören. Wir können genau zuhören oder „nebenbei“ etwas mitbekommen. Und manchmal wollen wir ganz bewusst weghören. Mikrofonen geht’s nicht anders!

 

Sagen wir, du gehst auf eine Party; die Musik spielt, Leute reden. Du betrittst den Raum und lässt die Geräuschkulisse auf dich wirken. Du hörst, welche Musik spielt, während alle um dich reden; vielleicht hörst du heimlich eine Unterhaltung mit, in der dein Name gefallen ist, und das alles während du einen Freund begrüßt. Es ist schon ziemlich erstaunlich, was wir mit einem Paar Ohren alles anstellen können! Aber wir haben ja auch einen sehr leistungsfähigen Signalprozessor zwischen unseren Ohren, unser Gehirn! Vereinfacht gesagt, brauchen Mikrofone verschiedene Richtcharakteristiken, weil es ihnen an Hirn fehlt.

Kugelcharakteristik nimmt Schall von allen Seiten gleich laut auf.
Kugelcharakteristik nimmt Schall von allen Seiten gleich laut auf.

Kugelcharakteristik

Mikrofone mit Kugelcharakteristik (engl. „omnidirectional microphones“) hören alles, was um sie herum vorgeht. Sie sind für Schall aus jeder Richtung gleichermaßen empfindlich. Das wäre das technische Äquivalent zur menschlichen Hörhaltung, ganz ohne Erwartung, „die Geräuschkulisse auf sich wirken zu lassen.“ Mikrofone mit Kugelcharakteristik werden häufig für Orchesteraufnahmen verwendet. Sie können aber auch im Homestudio sehr nützlich sein, beispielsweise um Akustikgitarre, Percussion oder Background Vocals aufzunehmen. Und überhaupt alle Instrumente, die am besten klingen, wenn sie mit etwas Raumklang eingefangen werden.

Nierencharakteristik „hört“ frontal eintreffenden Schall und unterdrückt Schall aus dem Rückraum.
Nierencharakteristik „hört“ frontal eintreffenden Schall und unterdrückt Schall aus dem Rückraum.

Nierencharakteristik

Nierenmikrofone lassen nicht einfach alles auf sich wirken, sondern sie hören genau hin. Technisch ausgedrückt: Nierencharakteristik (engl. „cardioid“) ist am empfindlichsten für frontal eintreffenden Schall, während Seitenschall leiser erfasst wird; rückwärtiger Schall wird stark unterdrückt. Meistens ist das exakt, was wir wollen: ein Mikrofon, das zuhört. Der weitaus größte Teil der Bühnen- und Studiomikrofone arbeitet deshalb mit Nierencharakteristik. Nierenmikrofone verwendet man für Lead Vocals, Sprache und alle Instrumente, die „trocken“, „nah“ und „direkt“ rüberkommen sollen.

Achtercharakteristik „hört“ nach vorn und nach hinten, ist aber extrem unempfindlich für Schall von den Seiten.
Achtercharakteristik „hört“ nach vorn und nach hinten, ist aber extrem unempfindlich für Schall von den Seiten.

Achtercharakteristik

Für uns Menschen wäre das eine sehr schwierige Hörhaltung: Achtercharakteristik ist, als ob man zwischen zwei Kumpels steht, und denen zuhört, während man alles andere ignoriert. Ein Mikrofon mit Achtercharakteristik ist für frontal und rückwärtig eintreffenden Schall gleichermaßen empfindlich, während Schall von den Seiten extrem stark unterdrückt wird. Dieses Richtverhalten mag zunächst nicht sehr hilfreich erscheinen, es gibt aber viele interessante Anwendungen dafür, die allerdings eher zu den fortgeschrittenen Methoden der Profis gehören. Dazu gehören u.a. einige Stereotechniken wie Blumlein (gekreuzte Acht) und Mitten/Seiten-Stereofonie. Außerdem ist Achtercharakteristik das natürliche Richtverhalten von Bändchenmikrofonen. Auch viele Multipattern-Kondensatormikrofone (d.h. Studiomikrofone mit umschaltbarer Richtcharakteristik) können mit Achtercharakteristik betrieben werden. Ansonsten sind Achtermikrofone eher selten. Es gibt so gut wie keine dynamischen Tauchspulmikrofone mit Achtercharakteristik, und nur eine Handvoll Hersteller (darunter Neumann) baut Kleinmembran-Kondensatormikrofone mit „echter“ Achtercharakteristik (d.h. mit nur einer, beidseitig empfindlichen Membran).

Superniere und Hyperniere sind besonders stark auf frontseitigen Schall fokussiert.
Superniere und Hyperniere sind besonders stark auf frontseitigen Schall fokussiert.

Andere Richtcharakteristiken

Abgesehen von den Grund-Richtcharakteristiken Kugel, Niere und Acht, gibt es noch diverse Varianten der Nierencharakteristik. Die bekanntesten sind Breitniere und Super- bzw. Hyperniere.

 

Breitniere ist eine Mischung aus Kugel- und Nierencharakteristik, d.h. eine weniger stark gerichtete Form der Niere. Breitniere eignet sich ausgezeichnet für Akustikgitarre und kleine Gesangsgruppen.

 

Super- und Hyperniere sind Richtcharakteristiken zwischen Niere und Acht. D.h. sie sind noch stärker auf frontalen Schall fokussiert als die „normale“ Nierencharakteristik, aber rückwärtiger Schall wird nicht ganz so stark unterdrückt. Das Maximum der Schallunterdrückung liegt hinten links und hinten rechts, d.h. in etwa 110-125 Grad zur Aufnahmeachse. Das kann beispielsweise auf der Bühne sehr nützlich sein, wenn man die Stage-Monitore entsprechend positioniert. Hyperniere ist aber auch toll für Schlagzeugaufnahmen, beispielsweise, um bei der Snare-Abnahme möglichst wenig Übersprechen von der HiHat mit aufzunehmen.

Richtcharakteristiken und der Nahbesprechungseffekt

Die Richtwirkung eines Mikrofons hat auch Auswirkungen auf den so genannten Nahbesprechungseffekt (auch Naheffekt genannt); dieser führt dazu, dass die Bässe umso stärker werden, je näher man das Mikrofon zur Schallquelle positioniert. Der Nahbesprechungseffekt ist das, was den Radiosprecher wie Barry White klingen lässt. Er kann aber auch die Sprachverständlichkeit beeinträchtigen und dazu führen, dass die Lead Vocals sich mit den Bass-Instrumenten überschneiden. Am stärksten ist der Nahbesprechungseffekt bei Mikrofonen mit Achtercharakteristik. Bei Nierenmikrofonen ist er immer noch recht stark ausgeprägt. Mikrofone mit Kugelcharakteristik haben dagegen überhaupt keinen Nahbesprechungseffekt.

Klangbeispiele