Preamps

Welchen Anteil hat der Preamp am Sound?

Preamps (5)

Welchen Anteil hat der Preamp am Sound?

In der letzten Folge haben wir untersucht, inwieweit ein besserer Mikrofonvorverstärker das Rauschen mindern kann. Aber was bringt ein besserer Mikrofonvorverstärker in Bezug auf Sound?

Nicht so offensichtlich

Während man technische Eigenschaften wie das Rauschverhalten objektiv messen kann, ist Klang subjektiv und somit viel schwerer zu erfassen. Viele Anwender stellen sich Klang als Abweichungen in der Frequenzwiedergabe vor, aber so einfach ist es häufig gar nicht. Praktisch alle Mikrofonvorverstärker weisen im Hörbereich von 20 Hz – 20 kHz einen nahezu linearen Frequenzgang auf. Zumindest bei Gain-Settings bis etwa 50 dB. Bei höherer Verstärkung treten kleinere Nichtlinearitäten zunehmend stärker zutage, sodass es ab 60 dB Gain zu leichten Verlusten im Bass- und Höhenbereich kommen kann, die aber selten mehr als ein paar Dezibel betragen. Preisgünstige Vorverstärker wirken daher bei maximalem Gain mitunter ein wenig stumpf, obwohl sie bei niedrigerer Verstärkung durchaus überzeugen können.

Klang-Textur

Abgesehen vom Frequenzgang, gibt es noch weitere Faktoren, die zur Klangfärbung (bzw. Abwesenheit derselben) beitragen. Wichtige Faktoren sind der Schaltungsaufbau und die Qualität der verwendeten Komponenten. Wie ein Vorverstärker konstruiert ist, hat wesentlichen Einfluss darauf, ob wir seinen Klang weich oder hart, dick oder dünn, neutral oder färbend, transparent oder grobkörnig empfinden. Wohlgemerkt handelt es sich dabei um subjektive Attribute. Man kann zwar das Zerrverhalten und die Frequenzwiedergabe über Messungen bestimmen, aber es gibt keine Messwerte dafür, wie attraktiv uns der Klang erscheint – insbesondere wenn es um erwünschte Klangfärbung geht.

 

Schauen wir doch mal, wie die eingebauten Preamps von Audio-Interfaces aufgebaut sind, und welche Optionen wir haben.

Preamp-Chip
Der winzige Chip in der Bildmitte ist ein (fast) vollständiger Mikrofon-Preamp von hoher Qualität.

Die üblichen Verdächtigen: Chip-Preamps

Inzwischen kommen die meisten Audio-Interfaces ab etwa 400 Euro mit sehr brauchbaren Mikrofon-Vorstufen. Fast immer sind sie um spezielle Preamp-Chips aufgebaut, die von nur einer Handvoll Herstellern produziert werden. Deshalb klingen die Preamps der meisten Audio-Interfaces recht ähnlich. Chip-Preamps arbeiten sehr rausch- und verzerrungsarm. Bis etwa 50 dB Gain klingen sie recht transparent; erst bei maximaler Verstärkung (meist 60 dB) verliert der Klang ein wenig an Druck und Glanz. Moderne Chip-Preamps sind keineswegs schlecht! Rein technisch betrachtet, stellen sie viele ältere Preamp-Designs in den Schatten. Viele externe Preamps der unteren Preisklasse sind klanglich und technisch nicht besser bzw. greifen ohnehin auf die gleichen Chips zurück, wie man sie in den Vorstufen von Audio-Interfaces findet.

Preamp-Inside
Ein Vollröhren-Preamp, ganz ohne Halbleiter, nach historischem Vorbild.

Mehr Klangfärbung: Vintage- und Retro-Preamps

Viele Anwender träumen heute vom Sound älterer Geräte mit Röhrenschaltungen bzw. aus der Anfangszeit der Transistortechnik. Die Röhrenvorverstärker der 1950er und 60er benötigten Ein- und Ausgangsübertrager zur Impedanzanpassung. Optimal arbeiten Röhren nämlich bei deutlich höheren Impedanzen als sie in der Studiotechnik üblich sind. Die Transistor-Preamps der späten 1960er und frühen 70er verwendeten immer noch Übertrager zur Symmetrierung. Dass diese Preamps anders klingen als moderne, liegt nicht nur an den damaligen (teils recht einfachen) Schaltungen, sondern auch an den sehr hochwertigen Übertragern.

 

Heute fertigen zahlreiche Hersteller mehr oder weniger genaue Nachbauten jener legendären Preamps. Es gibt aber auch viele Retro-Designs, die versuchen, die Klangfärbung klassischer Geräte mit moderner Technologie nachzuahmen – wobei sie es häufig übertreiben. Meist werden dabei die teuren Übertrager eingespart und Röhren lediglich zur Verzerrung eingesetzt.

 

Die Klangfärbung von Vintage- und Röhrengeräten kann sehr unterschiedlich ausfallen. Manche Geräte klingen seidig und weich, andere eher grobkörnig mit einer besonderen Präsenz. Manche geben dem Klang eine luftige, dreidimensionale Note, andere klingen sehr direkt und forsch.

 

Originalgetreue Nachbauten von Vintage-Klassikern sind meist recht teuer (oft über 1000 Euro pro Kanal). Retro-Preamps ohne Übertrager sind oft schon viel billiger zu haben, aber meist handelt es sich im Grunde nur um einen Transistor-Preamp einfacher Bauart mit zusätzlicher Zerrstufe. Wer den echten Vintage-Sound der Pop-Klassiker aus den 60ern und 70ern sucht, sollte lieber zu einem (teureren) Gerät mit Übertragern greifen.

Preamp-tube-inexpensive
Ein sehr preisgünstiger Retro-Preamp, bei dem die Röhre lediglich eine Zerrstufe bildet. Die eigentliche Verstärkung übernimmt eine übertragerlose Transistorschaltung.

Maximale Transparenz:„Wire-With-Gain“-Preamps

In den 50er, 60ern und 70er war Klangfärbung allgegenwärtig, und wie immer träumten die Toningenieure vom Unerreichbaren, einem Preamp, der den Klang nicht im Geringsten färbt und verfälscht. Ein Preamp, wie ein direkter Draht, nur eben mit Verstärkung, daher der Slogan „Wire with Gain.“ Das ist auch heute noch das Ideal vieler Toningenieure außerhalb des Bereiches Pop/Rock, die bevorzugt klassische Musik, Jazz und Folk aufnehmen – eben jene Musikstile, die man in ihrer natürlichen Schönheit und Klangreinheit einfangen möchte.

 

Obwohl die oben genannten Chip-Preamps inzwischen dem „Wire-With-Gain“-Ideal schon recht nahe kommen, gibt es spezielle, deutlich aufwendigere Designs, die noch linearer agieren und noch weniger Rauschen und Verzerrungen produzieren. Vor allem bleiben solche modernen Hochleistungs-Transistor-Preamps auch in hohen Gain-Einstellungen transparent und hoch auflösend. Es versteht sich von selbst, dass solche State-Of-The-Art-Geräte nicht billig sind; oft kosten sie über 1000 Euro pro Kanal.

Fazit

Die Klangfärbung von Mikrofonvorverstärkern liegt weniger in der Frequenzwiedergabe als in der Klangtextur. Allerdings ist der klangformende Charakter eines Vorverstärkers weit weniger offensichtlich als vielfach angenommen. Auffällig wird der Klangcharakter eines Preamps in der Regel erst bei hoher Verstärkung oder bei gezielter Verzerrung. In normalen Anwendungen sind die Klangunterschiede zwischen verschiedenen Preamps weitaus geringer als zwischen verschiedenen Mikrofonen.

Eingangsimpedanz

Ein häufig übersehener Faktor ist die Interaktion zwischen Preamp und Mikrofon. Studiomikrofone sind für Eingangsimpedanzen ab 1000 Ohm ausgelegt. Einige (vor allem neuere) Preamps haben Schalter oder Regler, um die Eingangsimpedanz abzusenken, was – laut Hersteller – neue Möglichkeiten eröffnen soll, den Klang nach Belieben zu formen.

 

Eingangsimpedanzen deutlich unter 1000 Ohm können tatsächlich den Klang des Mikrofons verändern, allerdings selten in die gewünschte Richtung. Dynamische Mikrofone, einschließlich Bändchen, verlieren meist an Bässen und Höhen, wenn man sie an Eingängen mit besonders niedriger Impedanz betreibt. Außerdem kommt es zu Pegelverlusten von einigen Dezibel, was den Rauschabstand verschlechtert. Bei Kondensatormikrofonen ändert sich die Frequenzwiedergabe wenig bis gar nicht, doch steigen die Verzerrungen an, vor allem bei hohen Schalldrücken. Preamps mit variabler Eingangsimpedanz betreibt man daher am besten in der höchsten Einstellung.